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Die britische Pubkultur erklärt – mit einem Pint in der Hand


Es gibt nicht viele Dinge auf der britischen Insel, die englischer sind als das Pub. Man sieht ihn an jeder Straßenecke, in London mindestens mit dreien pro Straße, sogar auf den entferntesten schottischen Inseln gibt es immer mindestens einen Pub, in dem man sich zuhause und heimisch fühlen kann. Dabei ist das Pub mehr als nur ein Ort, an dem gegessen und getrunken wird – das Pub hat in England fast schon einen heiligen Platz im Herzen vieler Menschen. Hier gibt es neben den üblichen Getränken und dem fast schon legendären Pubgerichten immer einen Ort, wo man sich aufhalten und wohl fühlen kann. Vielleicht deshalb hat das Pub in den soziokulturellen Gedanken der Briten einen so hohen Stellenwert, dass es fast täglich aufgesucht wird. Wir sind selber neugierig gewesen, was die Pubkultur in England so besonders macht und haben uns auf die Suche nach Antworten begeben, immer mit einem Pint in der Hand und einer öligen Portion Fish’n’Chips aus den legendären Küchen.

Aus Wein mache Bier

Dabei hat das moderne Pub einen gänzlich anderen Anfang erlebt – und feiert mittlerweile schon mehr als 2000 Jahre erfolgreiche Geschichte. Einst als römische Weinbar versehen, wurden die öffentlichen Häuser kurz nach der Geburt Christi nach England exportiert. Hier haben sich diese Häuser über die Jahrhunderte manifestiert und wurden so immer mehr zu einem fixen Bestandteil der britischen (Trink-)Kultur. Das Wort „Pub“ selber ist eine Abkürzung von „public“, was „öffentlich“ bedeutet, der ganze Grundgedanke des Pubs ist also darauf aufgebaut, eine semi-öffentliche Institution zu sein, in dem sich Menschen einfach aufhalten können. Ursprünglich war eine Taverne, quasi eine „Bar“ im Italienischen, die nach und nach zu einem Pub wurde.
Als die Römer irgendwann England verließen, ließen sie aber die Pubs und Alehouses – was für Bierhäuser steht, Ale ist eine Brauart – so dass sich die Bierkultur dort fortsetzen konnte. Ursprünglich wurde in den Pubs übrigens noch Bier selbstgebraut, aber diese Tradition hat sich mit den Jahren geändert, auch dank vieler Regularien, denn die Kultur musste selber erstmal Englisch lernen, also kulinarisch betrachtet.

Die Schilder der Pubs

Wer schon mal in England in ein Pub gegangen ist, der wird noch vor dem Betreten das traditionell grünliche Schild mit einem Bild und dem Namen des Establishments gesehen haben – aber wieso sehen die fast immer alle gleich aus? Das hängt damit zusammen, dass die Mehrzahl der Gäste in den vorhergegangenen Jahrhunderten nicht sonderlich gut lesen konnten, weswegen es zu einer Verordnung kam, dass alle Pubs ein Bild auf dem Schild haben, um den Menschen über die Natur des Geschäfts aufzuklären. Die meisten Schilder waren dabei wenig kreativ und hatten einen direkten Bezug zum britischen Königshaus, daher finden Sie im ganzen Land immer mal wieder Pubs mit Namen wie „The Crown“ oder „Queens Head“. Übrigens: erst im 16.Jahrhundert mussten Wirte eine Lizenz erwerben, um einen Pub zu eröffnen und zu leiten. Die liberale Haltung zum Alkohol und Bier im Besonderen ist auch ein Grund, warum die Pubkultur heutzutage immer noch so präsent ist; mehr dazu später!

Der Gin des kleinen Mannes

Um zu verstehen, warum Bier, Cider und Pubs noch immer so beliebt sind, muss man sich die Geschichte der unterschiedlichen alkoholischen Getränke im Land einmal genauer ansehen. Während ja erst im 16.Jahrhundert eine Lizenz fällig wurde, damit man Bier brauen und verkaufen durfte, waren andere Getränke sehr viel schwieriger zu bekommen. Nicht nur Tee und Kaffee, was aufgrund ihrer hohen Importpreise lediglich für die Monarchen und Berühmten bestimmt war, schien unerschwinglich, auch der zunehmende globale Markt tat das Seine, um sich dem Erfolg der englischen Arbeiterklasse in den Weg zu stellen.
Als im 17.Jahrhundert plötzlich Gin in Massenproduktion seinen Weg nach England fand, sahen sich die britischen Pubs mit einem echten Problem konfrontiert, denn Gin wurde so günstig, dass sich Bier einfach nicht mehr rentierte. Die Menschen wurden weg aus den Pubs und in die Gin Bars gezogen, wo sie sich an dem intensiven, aber preisgünstigen Getränk fast zu Tode getrunken haben.
Zum Glück für viele wurden dann Steuern auf den Einkauf und Konsum von Gin installiert, sodass die Preise schnell wieder normalisiert wurden und heutzutage lediglich noch die Queen an ihrem Gin festhält. Bier und Pubs waren wieder für die gering verdienende Arbeiterklasse reserviert.

Wer hat noch nicht, wer will noch mal?

Und als wäre all das nicht schon genug, so wurden in den darauffolgenden Jahrhunderten weitere Gesetze und Regularien erlassen, um die Arbeiter vom Gin weg und hin in die Pubs und Alehouses zu bringen. So wurden die Steuern so umfasst, dass es sich mehr und mehr Menschen leisten konnten, ihre eigenen Wohnstuben und Apartments in kleine, aber feine Pubs umzugestalten, in denen sie dann an 6 Tagen pro Woche ihre Türe aufmachen durften – lediglich der Sonntag als Feiertag war Gesetz und musste dicht bleiben. Dies hatte also zur Folge, dass Menschen einfach so in die umgebauten Wohnstuben fremder Wirte eintreten konnten um dort ihr Ale und Bier zu genießen.
So kam es zustande, dass innerhalb von nur wenigen Jahren mehrere Dutzend Pubs in ganz England aufgemacht hatten, um sich um die Kundschaft zu kümmern. Das ist auch der Grund, warum wir eingehend auf die schiere Anzahl an Pubs in Großbritannien verwiesen haben. Aber genug über die Geschichte des Pubs, lassen Sie uns nun über die aktuelleren Pubkulturen reden.

2 Drinks und dann heim

Es mag wenig überraschen, dass man die Engländer im Urlaub häufig im Pub findet, denn britische – und irische – Pubs sind mittlerweile auf der ganzen Welt zu finden. Aber nirgendwo ist es so schön wie zuhause, denkt sich der Brite – und besucht seine Stammkneipe fast täglich. Es ist mittlerweile gang und gebe, dass junge Briten gemeinsam nach Feierabend auf eine Runde oder zwei noch ins Pub gehen, bevor sie sich dann auf den Weg gen Heimat machen. Das ist zwar keine universelle Wahrheit, kann aber immer öfters in Pubs festgestellt werden. An einem schlichten Dienstag gegen 18Uhr findet man in vielen Pubs in ganz England Gruppen an jungen Personen, die angeregt plaudern und dabei maximal zwei Bier oder Cider trinken; sofern das Wetter mitspielt, passiert dies bevorzugt draußen, denn in den meisten Pubs darf nicht mehr geraucht werden. Das hat auch zur Folge, dass immer mehr öffentliches Leben draußen vor den Pubs stattfindet.

Die Runde geht auf mich

Etwas, das augenscheinlich nur in dieser Form in Großbritannien zu finden ist: das Runden-zahlen. Anders als zum Beispiel in Deutschland, wo jede Person meist für sich selbst zahlt und trinkt, ist es auf der Insel gang und gebe, in Runden zu zahlen. Sprich: die erste Person zahlt die erste Runde, die zweite Person die nächste, und so weiter. Das hat zur Folge, dass nicht alle Personen dauerhaft aufstehen und zum Tresen gehen müssen, denn Tischbedienung gibt es in England auch nicht. Das Gruppenzahlen fördert zudem das Wir-Gefühl, auch etwa äußerst wichtiges in der britischen Pubszene. Denn wie bereits zu Anfang erwähnt sind Pubs mehr als nur Plätze, wo man sich betrinken kann. Hier gibt es für alle Gäste die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, wodurch das Pub durchaus als soziale Institution betrachtet werden darf.

Nichts geht mehr

Wenn Sie beim nächsten Besuch in England gegen halb 11 abends ein (weiteres) Bier im Pub Ihres Vertrauens bestellen, dann sollten Sie sich darauf einstellen, es recht zügig zu leeren, denn in England gilt immer noch die Sperrstunde um 11 abends! Ja, das ist leider so – um Viertel vor 11 gehen die Lichter an und der Zapfhahn zu und Sie haben dann noch einige Minuten Zeit, Ihr letztes Bier zu genießen. Vielleicht ist auch das der Grund, warum die britische Pubkultur so darauf aus ist, bereits in den Stunden nach Feierabend den meisten Umsatz zu machen. Menschen aus allen Himmelsrichtungen kommen dann auf ein oder zwei Runden ins Pub, oft auch verbunden mit einem schnellen, öligen Gericht. Die Pubküche ist traditionell fettig und schnell – und daher ideal geeignet, wenn man was trinken möchte. In den meisten Pubs haben sich die Gerichte seit Jahrhunderten kaum geändert, einfach deshalb weil sie so schön traditionell Englisch ist.

Ein Pint, eine aufsaugende und ölige Portion Fish’n’Chips und irgendwo im Hintergrund ein Fussballspiel live im Fernsehen – das sind genau die Dinge, die das britische Pub so außergewöhnlich und interessant machen. Nehmen Sie sich diese Worte zu Herzen, wenn Sie das kommende Mal auf der Insel sind, es lohnt sich immer.